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Annette Pfnorr (2006)

Kulturschäden

Als Geschichtenerzählerin könnte man Kristina Girke sicherlich bezeichnen. In ihren Gemälden finden sich neben Hauptschauplätzen auch vielerlei Nebenschauplätze, die in ihrer pompösen Ausprägung an aufwendige Bühneninszenierungen am Theater erinnern. Oftmals als Miniatur am Rand der Leinwand platziert, nehmen kleinformatige Figurengruppen oder Ausschnitte von Landschaften einen eigenwilligen Bezug zum Hauptmotiv („Strategieberatung“). Dieses kann zum Beispiel eine menschliche Figur, ein Baum oder ein Wasserfall sein. Dabei ist die Lesbarkeit der Arbeiten nicht immer einfach und keinesfalls eindeutig. Menschen, Tiere, architektonische Zitate oder Ornamente stehen plötzlich in einem ungewöhnlichen und ungekannten Kontext. Sie müssen miteinander auskommen und sich gegenseitig behaupten. Dabei überlagern sich schon einmal die Ebenen. Ein Eindruck, der nicht nur durch die in mehreren Schichten und Farben aufgetragene Untergrundfarbe hervorgerufen wird. Manchmal erscheinen unwichtigere Bildelemente größer angelegt als wichtigere. Ersteres ist skizzenhaft angelegt, das Zweite detailgetreu wiedergegeben. Sich überlagernde, großformatige Motive, die wie hintereinander gehängte, gazeartige Vorhänge erscheinen und damit das Vorherige durchschimmern lassen, erschweren zunächst die eindeutige Bestimmung des Hauptmotivs („Der Hirte“). Und es stellt sich umgehend die Frage: Was ist nun das Zentrum des Bildgeschehens? Gibt es ein solches überhaupt? Treten nicht vielmehr alle Bildkomponenten gleichwertig auf, denn nur deren Summe ergibt ein Ganzes?

 

Viele Arbeiten lassen ein Zentrum erkennen, auch der Titel mag hierbei hilfreich sein. Aber die genauere Betrachtung lässt den Blick abschweifen in die rechte untere Bildecke oder ins obere Mittelfeld, dann wieder nach links unten und so fort. Der Blick auf Kristina Girkes Bilder verharrt selten an einer Stelle, sondern er ist fast immer auf der Suche. Ähnlich dem Verhalten eines rastlos Reisenden, der weiß, dass er immer noch nicht alles gesehen und begriffen hat und stetig weiter drängt.

 

Die neuesten Werke fasst die Künstlerin, neben den einzelnen Bildtiteln, unter einem Oberbegriff zusammen. Sie nennt sie „Kulturschäden“. Der Gegensatz von allgemein als positiv angesehener Kultur und der als negativ empfundene sowie nachweisbare Schaden gehen eine Verbindung ein, die vielerlei Assoziationen zulässt.

 

Kultur kann hierbei genauso aus künstlerischer, politischer, industrieller, handwerklicher oder auch landwirtschaftlicher Sicht verstanden werden. In allen Auslegungsmöglichkeiten ist sie etwas vom Menschen Geschaffenes, das der Weiterbildung, der Unterhaltung, dem menschlichen Umgang oder der Urbarmachung von Land dienlich ist. Es ist eine Entwicklung, die positiv betrachtet, viel an Kreativität und Mut voraussetzt, die im umgekehrten Fall aber auch beäugt, missverstanden und abgelehnt werden kann. Manchmal sogar zerstörerische Auswirkungen hat. Somit scheinen „Kultur“ und „Schaden“ nicht nur in dem Girkeschen Wortspiel eine enge Verbindung einzugehen. Ein Land kann kultiviert werden. Es wird Ackerbau betrieben, der für den Menschen lebenserhaltend ist oder es wird beispielsweise eine Parklandschaft errichtet, die der Entspannung und dem fröhlichen Verweilen der Besucher dienen soll. Beides bedeutet jedoch neben der Notwendigkeit auch einen Eingriff in die Natur, der durchaus auch ungeahnte Folgen haben kann. Von Luft aus betrachtet sieht eine von der Landwirtschaft geprägte Landschaft wie eine zerschnittene, gehäutete und damit gänzlich geschundene Haut aus. Andererseits ist die gezielte Pflege von Natur durch Beschneidung von Bäumen u.ä. oftmals für den Erhalt und die Pflege einer Landschaft unabdingbar. Im gleichen Maße kann auch die Kultur Schaden erleiden, indem Vernachlässigung, fehlerhafte Entscheidungen, Kriege und Zerstörung Schäden hervorrufen, die irreparabel sein können. Die Übergänge scheinen fließend zu sein.

 

Kristina Girke nimmt in ihren Werken gerne ikonografische Bezüge auf frühere Jahrhunderte. Somit verknüpft sie Altes und Traditionelles mit zeitgenössischen Aspekten und erschafft dadurch sehr eigenwillige Bildgefüge. Hierdurch ist auch ein zeitlicher Faktor gegeben, der es nicht unbedingt einfach macht, sich im Bildgeschehen zurecht zu finden.

 

Die Betrachtung von alten Gemälden gibt heutzutage oftmals auch den Blick auf spröde und geplatzte Farbschichten auf einer Leinwand frei. Auch dies ist etwas, was der Künstlerin im jüngsten Werkzyklus als Anregung dient. Es sind die aufgebrochenen Oberflächen, die Jahrhunderte alten und von der zeit gekennzeichneten Arbeiten, die Kristina Girke verleitet haben, aufgeplatzte Farbschichten und Risse als Bestandteile ihrer Leinwandarbeiten zu integrieren („Kraftprotz“).

 

Wie eine Salbe mit heilender Wirkung fügt sie anschließend zum Beispiel Ornamente hinzu, platziert sie wie eine weitere Farbschicht über die vorherige. So werden Risse zum einen stellenweise kaschiert und zum anderen wird der Blick auf die Schönheit eines Ornaments gelenkt. Zu diesen Ornamenten gesellen sich weitere grafische Elemente, die lasiert, gesprüht oder gemalt aufgetragen werden: Sterne, Bälle oder Details, die an Flugobjekte („Die Besucher“) erinnern lassen. Teilweise liegen optische Täuschungen vor und der Blick sucht nach einem Halt („Der Sucher“). Wo befindet sich die Bildebene? Tritt das Element aus der Leinwand heraus oder drängt es in den Hintergrund?

 

So wie die Bezeichnung „Kulturschäden“ einen Widerspruch darstellt, so erzeugt Kristina Girke in ihren Werken auch Spannung zwischen zerstörerisch angelegten Bereichen mit abgekratzten Farbschichten und der Klarheit und Schönheit zum Beispiel einer Figur oder eines Ornamentes. Das Ornament dient dann nicht nur zur Zierde, sondern es bildet durchaus schon einmal den Rahmen für das Bildgeschehen („Kraftprotz“/“Prophet im Nebel“). Farbige Linien wecken Assoziationen an Klangwellen und lassen damit an Musik denken. Hierdurch erhalten die Arbeiten eine zusätzliche Ebene der Auseinandersetzung. Darüber hinaus haben sie eine ausgleichende und sanfte Wirkung („Der Reisende“), die kontrastierend zur zerstörten Bildfläche steht.

 

Lasierend aufgetragene Farbschichten, auch nichts ungewöhnliches für die Arbeitsweise der Künstlerin, treten in Korrespondenz mit der zeichnerischen und malerischen Handhabeung der Motive. Die menschlichen Figuren sind mehrheitlich in Grau und Weißtönen gehalten und ähneln hierdurch den maßstabsgetreuen Vorzeichnungen auf Karton für monumentale Gemälde oder Fresken, wie sie im 15. Jahrhundert in der italienischen Malerei angewandt wurden. Auch schattenhafte Wesen ergänzen zuweilen das Bildgeschehen. Dabei ist jedes Motiv abgeschlossen und hierdurch ausdrucksstark angelegt. Somit wird nach längerer Betrachtung eines Werkes auch deutlich, dass es keine Neben- oder Hauptschauplätze gibt, dass vielmehr alle Bildkomponenten gleichwertig auftreten, denn sie bedingen sich gegenseitig. Dass das eine groß und farbig, das andere klein und monochrom wiedergegeben ist, lässt vielmehr Gedanken frei, die an sich überlagernde Filmsequenzen denken lassen. Hierdurch ist ebenfalls ein zeitlicher Faktor gegeben. Ein Film gibt eine fortlaufende Handlung wieder. Ein Gemälde hingegen verharrt in seiner Anlage nach in einem Zeitpunkt. Bei Kristina Girke können die Werke wunderbar mit diesem Widerspruch bestehen.

 

Perspektivisch angelegte Bildbestandteile erschweren ein eindeutiges Erkennen eines Raumgefüges, so dass auch hier der Eindruck entsteht, man wandle zwischen den Jahrhunderten. Und somit bleibt einem nichts anderes übrig, als weiter das einzelne Werk zu studieren, um vielleicht dann doch einmal dem Geheimnis der Geschichten von Kristina Girkes Gemälden auf die Spur zu kommen.


 © Annette Pfnorr, 2006


 

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