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Christoph Tannert (2011)

Das Labyrinthische durchleben

In ihren Bildern, die in einer Wechselform des Hin-und-Her-Argumentierens entstehen, einer das Herumirren auch zum Thema machenden Art des Vortragens, verliert man sich nur all zu gern, da sie einen suggestiven Sog und ein hohes Suchtpotential entwickeln. Kristina Girkes Bildsprache ist barock, pulsierend lebendig, voller Intensität. „Ich bin Wassermann“, sagt sie, „und muss jeden Tag alles neu erfinden“.

 

Erst wird die Leinwand klassisch grundiert, dann wird losgemalt. Kristina Girke tritt ihre Reise durch ein Zwischenreich an. Wenn nichts mehr geht, wird der Maluntergrund mit dem Hammer und mit den Füßen bearbeitet, Farbe abgekratzt, abgezogen, dann wieder drübergemalt, z.T. mit Lack abgeschlossen.

 

Diese Bilder haben Haut, rissige, durch diverse Arbeitsprozesse aufgefetzte, wieder verschlossene und vernarbte Malflächen – und sie haben Gedächtnis. Im Gespräch mit der Künstlerin fällt häufig das Wort „Kulturschäden“. Kristina Girke erläutert: „Unsere heutige Kultur (die abendländische, die der Industrieländer) erscheint mir brüchig, rissig. Unter der Hochglanzfassade prominenter Kultur, mit der sich eine Gesellschaft präsentiert, bröckelt es und darunter kommt Substantielles hervor. Es ist wie, wenn unter einer dicken Laubschicht hier und da Sämlinge durchbrechen. Sie benötigen den Schutz des darüber liegenden Laubes, sind aber im Kontakt mit der ewigen Mystik, den alten Mythen. Die obere Schicht vergeht, muss absterben. Kultur besteht für mich aus einer Schichtung kultureller Erscheinungen, verbunden mit dem Wechsel von Schicht zu Schicht. Bessere Metapher dafür ist vielleicht Kultur als Häutung: Kultur ist eine Häutungsmaschine. Die archetypischen Bilder, die Grundmuster liegen darunter, brechen immer neu durch in verschiedenen Erscheinungsformen.“

 

Im Malmaterial liegt das malerische Denkzentrum der Künstlerin verschlossen, in den Szenen werden Vorfahren aus Flächen und Raum aufgerufen. Erlebtes und Einbildung, Zitiertes und die Realität der Malerei, familiäre Geschichte, politische Historie und das Malstoffliche beginnen sich in den Bildern von Kristina Girke zu verweben, zu verquicken und harmonisieren einander. Die Welt tritt auf den Plan als kartiertes Netz von Bilderfindungen, individuellen Projektionen und Vorstellungen. Als Untersuchung auch der medialen Bildproduktion, der Werbung, des Films und vielfältigen ornamentalen Bekränzungen und Beglückungen. Nur mittels ihres kunsthistorischen Wissens und ihres Studiums der Technik der Alten Meister vermag die Künstlerin unsere Erinnerung so plastisch zu mobilisieren und zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendeln zu lassen. Was sie mitzuteilen hat, wird in asymmetrischen Begegnungen von scheinbar Unzusammenhängendem zusammengeführt – auf einer Plattform, die ohne Illusionsgrund auskommt und keine Bedeutungszuordnungen zwischen dem Vorn und dem Dahinter vornimmt. Alles, was im Bild passiert, ist Teil eines Gesamtdispositivs. Die Künstlerin bevorzugt kein bestimmtes Gegenstandskonglomerat, ihr Formwille geht von keinem Bildzentrum aus, sondern wird durch alle Strukturen und Körper hindurch in einem produktiven Netz wirksam. Eine Vormachtstellung eines Elements ist in diesem Denk- und Bildmodell eine Illusion. „Die verschiedenen Ebenen werden so ineinander gearbeitet, dass keine Ebene die andere überdeckt. Dort, wo jeweils die eine Bildebene sichtbar wird, kann die andere nicht sein“ erläutert die Künstlerin. Zirkulierend bewegt sie sich im Malprozess von einer bildnerischen Schnittfläche zur anderen. Die Amorphität der Bildoberfläche tritt dabei als eine gegen traditionelles Formverständnis gerichtete und zusätzlich Schaulust verschaffende Setzung in Erscheinung. Es ist dieses besonders produktive Verhältnis zwischen der körperhaft sprechenden Dimension der Malhaut, die auch haptisch erfahrbar ist, und dem Zerebral-Intellektuellen, das die besondere Erfahrungskategorie der Werke von Kristina Girke ausmacht. Diese Inszenierungspraxis, die Vermeidung illusionistischer Raumstaffelungen sowie die Kontrastierung reiner Farbflächen, fußt nicht zuletzt auf Girkes Vorliebe für Giottos Fresken und die Malerei der italienischen Frührenaissance. Kunstproduktion bedeutet für Kristina Girke „Neukonfiguration ... und die Zurichtung aktueller Diskurse“ Sie ist in Halle (Saale) als Tochter eines renommierten Denkmalpflegers aufgewachsen und hat die sozialistische Zerstörung der historischen ostdeutschen Innenstädte am eigenen Leib erlebt. So bindet sich das Bildverständnis der Künstlerin an Auseinandersetzungen mit künstlerischen Traditionen, Motiven und Topoi bei gleichzeitiger Rezeption und Teilhabe an der Polyphonie aktueller Erörterungen. Was sie dabei aus der Vergangenheit ableitet, visualisiert sich in ihren Bildern als hybride Praktik, in der die unterschiedlichsten Bildphänomene ineinandergreifen: Figuren und Figurengruppen, das Ornament als eine Kulturuniversale, Muster, Schriftzüge. Dem Bild-Zitat kommt dabei (bewusst pompös-postmodern) keine herausgehobene, eher eine gleichwertige Rolle zu. Entsprechend hingabevoll wird mit dem Prinzip ars gratia artis gespielt. Die inzestuösen Verbindungen der Kunst an das höfische Rokoko wie auch an bürgerlich-moderne, romantische und klassizistische Implikationen, wundervoll in einen Weh-Moll-Klang getaucht, rotieren um sich selbst. Motive sind nicht mehr das Wichtigste und werden ort- und zeitlos, in einer unbestimmbaren Ereignisebene angesiedelt. Zitieren ist traditionell ein rezeptiver wie kreativer Prozess. Kristina Girke denkt über die Welt nach, indem sie den maximal möglichen Verdichtungsgrad des Kunstwerks per Zitat-Labyrinthik ausreizt. Über die Umwegigkeit des repetierenden Bildes greift sie auf die Metaphern der Gegenwart zu. Ihre Bilder negieren das Gefühl und das Wissen um unser Gefangensein in der Welt dadurch, dass die Künstlerin die Unentrinnbarkeit aus dem Gegenwartslabyrinth in die Möglichkeit, das Labyrinthische zu durchleben, umwendet. Jedes dieser Bilder lädt dazu ein, sich auf eine Irrfahrt zu begeben, ein weit verzweigtes ästhetisches Universum zu entdecken, um am Ende vielleicht den eigenen Lebenslauf als Erlebnis der ontologischen Verfasstheit der menschlichen Existenz besser zu begreifen.

 

Girkes Maltechnik beruht ebenfalls nicht auf einer linearen, vielmehr auf einer schichtenden Seinsordnung, in der Tuschen, Acryl- und Ölfarben sowie Lacke Verwendung finden – je nach dem inhärenten Dringlichkeitsmaß bei der Labyrinth-Durchquerung.

 

Im Titel der Ausstellung „Beim Frühstück hat sich Gott verkrümelt“ klingen Zweifel an, Momente des Komischen. Und die Hoffnung, dass Gott vielleicht trotz allem wiederkommt? Die auf der Einladungskarte zur Ausstellung abgebildete „Weberin der Illusion“ (2011) weist hintersinnig auf die „Ent-wicklung“ des Labyrinthischen als auf Um- und Abwegen erlebbaren Sinn hin.

 

 

 

Anmerkungen:

1) Kristina Girke im Gespräch mit dem Autor am 15.08.2011

2) Kristina Girke in einer Email vom 16.08.2011 an den Autor

3) Kristina Girke im Gespräch, a.a.O.

4) Kristina Girke im Gespräch, a.a.O.

 

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