Peter Funken (2013)

Eine Malerei der Schönheit und des Widerstands – über die Kunst Kristina Girkes

„Every act of creation is first an act of destruction.“

Pablo Picasso

 

Die Aufgabe der Malerei, so der britische Schriftsteller John Berger, ist es, eine Abwesenheit mit dem Schein der Anwesenheit zu füllen, also etwas, das nicht gegenwärtig ist, sichtbar zu machen. Die Abwesenheit liegt zwischen Zeit und Raum. Es kann deshalb kaum wundern, dass Malerei zu beidem eine ganz besondere Beziehung herstellt - Zeit und Raum zu vergegenwärtigen sucht, sie also zu zentralen Anschauungs- und Erlebnismomenten der Malerei macht, um Vorstellungen von der Welt im Innenraum eines Bildes, wie im Außenraum, also in seiner Umgebung, zu bezeichnen. Malen heißt demnach, etwas hereinbringen – in einen bewohnten Raum, dorthin wo das Bild hängt und gesehen wird, aber auch in den Rahmen des Bildes, auf seine Oberfläche, wo dann - egal wie nah oder fern – fast jede Darstellung möglich ist. In diesem Gedanken kann das Bild das Unendliche und Grenzlose zeigen, genauso wie das unmittelbar Gegenwärtige oder das Entfernte und Vergangene. (1) Mit der Fähigkeit zur gleichzeitigen Darstellung von Nahem und Fernem, Geschehenem und Präsentem ist Malerei wie keine andere Kunst in der Lage, an den Bruchlinien und Übergängen, die die Entität von Zeit und Raum kennzeichnen, zu operieren und Empfindungen und Vorstellungen auszulösen. So dokumentiert und vermittelt Malerei mit ihren Methoden des Kombinierens und Zusammenfügens künstlerische Wahrnehmungen und Erkenntnisse für eine Öffentlichkeit, die damit am ästhetischen Prozess von Kunst teilhat, sich darin spiegelt und womöglich besser begreift.

 

Genau in diesem Spannungsfeld hat die Berliner Malerin Kristina Girke ihre Malerei angelegt und ein Werk entwickelt, das seinen Ort und seine Zeit zugleich in der Vergangenheit und der Gegenwart, in konkret bildnerischen Darstellungen, wie auch in ihrer Zerstörung sucht und findet. Dieses Spannungsfeld ist für Kristina Girke zugleich Spielfläche wie ebenso – dies insbesondere in der letzten Schaffensphase – Schlachtfeld, denn mit ihren Attacken und Angriffen auf die Oberflächen der Leinwände vernichtet die Künstlerin gezielt früher geschaffene Sujets und Strukturen ihrer Arbeit. Mit dem Abkratzen, Wegschleifen und Zerstören älterer Bildzustände erschafft sie aber auch unmittelbar Neues und Grundlegendes für ihre Kunst, denn durch die brutalen Eingriffe entstehen überraschend neue Formen und Strukturen im Gebiet abstrakter Bildfindung.

 

Die Ursprünge für Kristina Girkes Malerei liegen wohl auch in der Biografie der Künstlerin, die bereits als Kind in der DDR immer wieder in Kontakt mit historischer Kunst und Architektur kam, als sie mit ihrem Vater, der Denkmalpfleger ist, historische Kirchen besuchte. Diese Eindrücke müssen sehr stark gewesen sein, denn in Kristina Girkes Werk begegnen uns immer wieder barocke Skulpturen und architektonische Elemente der Vergangenheit, die die Künstlerin in großer Freiheit mit anderen Bildelementen -, etwa mit Ornamenten, Mustern, Bild- und Schriftzeichen - kombiniert und verbindet. Was so entsteht, ist eine Malerei, die den Raum als ein komplexes Kontinuum von dynamischer Bewegung und statischer Anwesenheit darstellt, ihn nicht als zentralperspektivisches Konstrukt versteht, sondern die Beziehung der Bildgegenstände zueinander mittels Überlagerung und transparenter Durchdringung anstrebt: Figuren oder Figurengruppen, die mit Farben vollplastisch gemalt sind oder auch nur skizzenhaft angedeutet werden, erscheinen als Bildbestandteile im Vordergrund, und werden zugleich als Elemente eines die Oberflächen bedeckenden all over von seriellen Pattern oder Mustern erkennbar. Sie sind durchzogen und durchdrungen von flächig gemalten, oftmals luziden Farbpartien, zum Beispiel von Ornamenten, so dass sie wie von der Dynamik des Bildgeschehens erfasst wirken – eine Dynamik, die sie nicht nur umgibt, sondern geradezu angreift, mitnimmt und auflöst. In solchen Darstellungen vereinigen und verschmelzen die Zeichen und Heilssymbole einer Vergangenheit mit den Formen und Mustern der heutigen Zeit, wie sie uns in Werbung, dem Design oder auch der Gegenwartskunst begegnen.

 

In der Verbindung alter und neuer Ausdrucksformen entsteht damit ein Bild immanenter Kommentar zur aktuellen Situation unserer visuellen Kommunikation, einer mit Bildern überfluteten und überformten Wirklichkeit, letztendlich auch zur Kunst selber, wie dann ebenfalls zur gesellschaftlichen Verfassung, die im Bild immer weniger Meditationsanlass erkennt, sondern stattdessen im Gewirr von Zeichen, Images und filmischen Szenen die Orientierung verliert. Von daher erleben wir heute einen Bildverlust, und erst dieser macht Kristina Girkes konsequente Zerstörung von Bildoberflächen verständlich und einleuchtend. Es mag paradox klingen, doch mit der Destruktion beginnt ihr Versuch zum Neubeginn oder wie die Künstlerin sagt, zu einer Heilung. Mit dem Eliminieren des Bildgegenstandes entzieht sie den Betrachtern wie sich selbst das ursprüngliche Bild, sie macht Tabula rasa und bezeichnet zugleich einen Startpunkt oder Anfang, deren Ursprünge in Unordnung und Chaos liegen. Dieser neue Anfang, die aufgebrochene Bildoberfläche - das muss gesagt sein - besitzt trotz allem Handgreiflichen, das ihn bedingte, zahlreiche Momente des Schönen, ist von sensibler Intensität und großer Ausdruckskraft.

 

Man kann und sollte das künstlerische Handeln von Kristina Girke vor dem Hintergrund heutiger Gesellschaftsentwicklungen wahrnehmen. Die Künstlerin hat in diesem Kontext und der Debatte darüber das Wort der „Kulturschäden“ eingebracht und meint damit den Schaden, den die Kultur im Verlauf der Geschichte genommen hat – letztlich ein Bildverlust durch eine Bilderflut! Der Dramatiker Heiner Müller sprach in diesem Zusammenhang von einem fortschreitenden, unaufhaltsamen Substanzverlust. Kristina Girkes malträtierte Bildoberflächen bilden aber den neuen Untergrund oder Humus für Zukünftiges, darin unterscheidet sich ihr gedanklicher Ansatz von Müllers zutiefst pessimistischem.

 

In Kristina Girkes Schaffen scheint im Prozess der Kunst die Möglichkeit für eine Heilung auf, eine Form positiver Veränderung, die sie genauso reflektiert wie die kulturellen Verluste und Einschränkungen, die in einer zunehmend normierten Welt erfahren und erlitten werden. Von daher ist Girkes Malerei auch als individueller Ausweg zu begreifen, dem ein selbst denkender, anarchistischer Impuls zugrunde liegt. Es ist eine persönliche Form der Befreiung und der Versuch zur Selbstbehauptung angesichts von Entwicklungen, die unter scheinbar logischen Zwängen gesellschaftliche Freiräume immer weiter einengen und ausschalten.

 

Die Künstlerin hat also etwas im Sinn, sie will mit den Mitteln der Kunst Sinn stiften und Freiräume entwickeln - das heißt, eine künstlerische Vision, noch nie Gesehenes und noch nie so Gesehenes kreieren und zur Debatte stellen. Dass dies eine geradezu utopische Herausforderung darstellt - für sie und für uns - muss nicht betont werden, auf jeden Fall verlangt ein solches Vorhaben nach einer radikal künstlerischen Haltung. Peter Handke hat auf diesen Zusammenhang hingewiesen, als er zugespitzt formulierte: „Nichts verstehe ich, nichts will ich verstehen von den Leuten, die nichts im Sinn haben; die unkünstlerisch sind.“ (2)

 

Die Malerei Kristina Girkes ist eine Kunst zur Zeit, die ungeachtet der Misere totaler Kommerzialisierung (dies inkludiert auch die Künste!), ihre eigenen Antworten auf Fragen der Gegenwart findet. Dies geschieht in ihrem Werk mit den Möglichkeiten der Malerei, im Medium des Bildes und mit einer Haltung, die ein „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt) zur Maxime erhebt. Dass Kritik wie ebenso die Darstellung eines Neubeginns nicht nur sprachlich und theoretisch, etwa in philosophischer oder soziologischer Form formuliert werden kann, sondern auch mit Methoden und in Form von Malerei und des gemalt Schönen, beweist Kristina Girke in ihrer Kunst und mit ihrer Haltung. Dass solches Freiheit im Denken und Handeln voraussetzt und beinhaltet, kann man bei dieser Künstlerin anschaulich erleben und erfahren.

 

 

1) Vgl. dazu John Berger: „Der Ort der Malerei“, 1982, in „Das Kunstwerk – über das lesen von Bildern, Essays“, Berlin 1992, S. 83 ff.

2) Peter Handke: „Gestern Unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990“, Salzburg u. Wien 2005, S. 11


 © Peter Funken, 2013


 

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