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Maik Schlüter (2014)

EYE OPERATION

Explosion: Ein Laser im Auge. Die trübe Netzhaut wird gereinigt. Aus Grau wird ein Meer an Farben, ein explosives Gemisch visueller Kaskaden. Ein optischer LSD-Trip. Tief im Hirn werden die Reize des gebündelten Lichts zu einem Spektrum aller Farben, ein einziges Fließen, Schillern, Verwischen, Verschwimmen. Fokussieren unmöglich, ein Blick in die Tiefenschichten der Illusion, mechanisch erzeugt, ein Kratzen am Nervensystem, sensorische Spitzen, stimuliert bis zur Klimax. Das alles ist in mir, kein Bild, keine Fläche, ein Volumen, das wabert. Abstraktion jenseits der Begriffe.


Formalismus als Vorwurf und Notnagel. Eine Argumentation, die ganz akkurat den ästhetischen Fehltritten auf die Schliche kommen möchte, die denunziert und verklärt. Ein aberwitziges Spiel mit historischen Verweisen, philosophischen Querschüssen und dem Willen zum Wissen. Rechtfertigung und Absicherung: ein Leben im Kontext. Ästhetik oder Ideologie? Ein bürokratischer Akt. Kunsterklärungsrhetorik als abenteuerliche Assoziationsprosa und politische Festlegung. Wer schreibt die Bedeutungen fest? Welche Archäologie ist hier am Werk?


Solero Exotik: Der schockgefrorene Sex des Eislutschens in den bunten Industriefarben der Fooddesigner. Solero, das ist die billige Verweiskraft hispanischer Klischees: exotisch, verführend, fremd. Ästhetischer Kannibalismus: eine Kultur, die es sich einzuverleiben gilt, an heißen, schwülen Tagen, in der Großstadt, aus der Tiefkühltruhe des Kiosks. So trübe wie die Linse des grauen Stars, so bunt ist diese chemische Farbigkeit, ein eklig süßes Täuschungsmanöver. Exotik ist auch Erotik, so absurd und pervers wie Kondome mit Erdbeergeschmack. Dem Virus des schlechten Geschmacks zum Trotz, zwischen AIDS und Diabetes, ist die Farbtheorie hier ein Vergnügen der Schleimhäute.


Giganten: Das sind James Dean und Rock Hudson, keine Götter, keine mythischen Gewalten, bloß sterbliche Abziehbilder der Filmindustrie. Keine Frage: Was ist schöner als Technicolor? Was besser als die Hollywood-Dramatik, die schon immer den besseren Plot als die Originaltexte hatte. Kunst ist eben Interpretation, ein beständiges Fortschreiben und Kopieren, Umdeuten und Erweitern. Giganten sind endliche Leitbilder, fallen vom Himmel, fahren sich zu Tode oder sterben (fast) in Paris. Vielleicht sind es genau diese Farben, die James Dean sah, als er seinen Porsche 550 Spyder um den Baum wickelte. Der Tod als Farbspur, filmisch, malerisch, monströs und katastrophal. Das war 1955, und die Kunst kannte den abstrakten Expressionismus, hatte die Formeln der Avantgarde langsam verdaut und schützte sich schon insgeheim vor den zersetzenden Argumenten der kommenden Konzeptkunst. Aber Motoren sind lauter, Sportwagen schneller, und die Pop Art war ein cooles Vehikel im Neonlicht zwischen L.A. und Madison Avenue: Say what you want, but it is still alive.


Philosophie und Physik: Ein Blick ins Zwischenreich der Moleküle, der Photonen, der Elektronen und der Teilchen. Heute bedeutet Abstraktion vor allem elementare Konkretion, denn die Logik aller bildgebenden Verfahren ist die visuelle Entschlüsselung des Nichtsichtbaren. Ein Rätsel im Fokus des unbarmherzigen Kamerablicks, der selbst schon ausschließlich elektrischen Impulsen folgt und keine chemischen Substanzen braucht. Die Materie wird gegen sich selbst ausgespielt: selbst feste Körper sind permanent in Bewegung, und der Körper ist ein molekulares Minenfeld visueller Verführung.


Keine Regeln? No Rules! Die Welt ist ein einziges Regelwerk, undurchschaubar, voller Tücken und unterirdischer Fallen, ein Objekt unter dem Elektronenmikroskop wissenschaftlicher Psychosen, ein Zerrbild der wirklichen Wirklichkeit! Gibt es den leeren Raum? Im Teilchenbeschleuniger paart sich Unwissenheit mit Abstraktion. Das war schon immer ein veritables Verfahren der Welterkundung: eine Introspektion ins Ungewisse, ein Motor der Evolution, ein gedankliches Gespenst, physikalisch und philosophisch, ein Angstraum, ein Denkraum. Taktil, aber nicht taktisch, visuell aber nicht visionär, empirisch, aber ohne Logik. Wer mit Zeit rechnen will, muss zwangsläufig den Raum durchqueren. Der Diskurs hat Löcher und Lücken, der absolute Raum kann kein Loch haben. Bilder sind immer noch das Optimum: reale Illusionen, die statisch und tief sind, mit ihrer zweidimensionalen Dynamik, die sich im Kopf abbildet und die mit entgrauter Linse in aller Klarheit zeigen, dass Schwarz der Grund aller Farben ist und Anschauung die beste Form der Phänomenologie.


 © Maik Schlüter, 2014 

 


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